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Nachruf Markus Wäfler
(16.7.1943 bis 12.8.2020)

Im Herbst 1964 schuf die Ludwig-Maximilians-Universität München innerhalb des Instituts für Vor- und Frühgeschichte eine Abteilung für Vorderasiatische Vor- und Frühgeschichte. Besetzt wurde die Professur mit Barthel Hrouda, einem Schüler Anton Moortgats aus Berlin. Obwohl nur drei kleine Räume zur Verfügung standen und keine Bibliothek, fanden sich vier junge Studenten ein, die sich für dieses Fach immatrikulierten. Darunter war auch ein junger einundzwanzigjähriger Schweizer, der nicht nur perfektes Hochdeutsch sprach, sondern auch durch seine exquisite Kleidung hervorstach: strahlend weisses Hemd mit Fliege, dazu ein hocheleganter Anzug. Markus Wäfler! Einen stärkeren Kontrast zu den meist staubigen Archäologen konnte man sich kaum vorstellen. Es dauerte ziemlich lange, bis das kleine Institut mit diesem Paradiesvogel zurechtkam. Seine natürliche Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft waren dabei hilfreich. Im Studium beeindruckte er durch enormen Fleiss und Belesenheit. Dazu kamen ein phänomenales Gedächtnis und eine visuelle Begabung. In einem Zeitalter lange vor elektronischen Datenbanken sammelte Wäfler alle Informationen, derer er habhaft wurde, in riesigen Karteien. Aber er befasste sich nicht nur mit Archäologie, von Anfang an engagierte er sich voll in seinen Nebenfächern Assyriologie bei Dietz Otto Edzard und Hethitologie bei Anneliese Kammenhuber. Schon nach dem ersten Studienjahr beherrschte er Keilschrift. Insbesondere das Studium bei Frau Kammenhuber legte den Grundstein für sein späteres Interesse an Anatolien, Nordsyrien, den Hethitern und Hurritern. In den Semesterferien verzichtete er auf die Teilnahme an Ausgrabungen, vielmehr nutzte er die Zeit für umfangreiche Reisen durch den Vorderen Orient, um so antike Orte, Denkmäler und Museen aus erster Hand kennen zu lernen. Nach einem Seminar zu Assyrien reifte in ihm der Entschluss seine Dissertation über ein Thema daraus zu verfassen.

Als Barthel Hrouda 1967 einen Ruf an die Freie Universität Berlin annahm, stand für Markus Wäfler ausser Frage, ihm dorthin zu folgen. Ebenso unbeirrt kehrte er mit Hrouda drei Jahre später wieder nach München zurück. Die Jahre in Berlin waren enorm befruchtend, Kurt Bittel hielt Vorlesungen zu den Hethitern, im Altorientalischen Institut gab es eine junge Generation von Absolventen, die sich mit Hethitern und Hurritern beschäftigten: Ilse Wegener, Volkert Haas und Gernot Wilhelm. Zusammenarbeit und Freundschaft über Jahrzehnte wurden dort begründet.

1971 reichte Markus Wäfler seine Dissertation zu Nicht-Assyrer neuassyrischer Darstellungen an der LMU ein und wurde von Hrouda, Edzard und Kammenhuber mit der Note summa cum laude promoviert. Er war damit der erste von vielen Schülern, die Hrouda in den nächsten Jahrzehnten promovieren sollte. Inzwischen war Hans Nissen als Nachfolger Hroudas auf den Lehrstuhl nach Berlin berufen worden. Er engagierte Wäfler als Assistenten gegen eine Reihe von lokalen Bewerbern.

Markus Wäfler lebte im Herzen Berlins in einer grossen Altbauwohnung. Oft waren sein umfangreicher Freundeskreis, aber auch auswärtige Besucher bei ihm zu Gast und genossen seine bald schon legendäre Gastfreundschaft. Besonders eng arbeitete er mit Volkert Haas und Ilse Wegener zusammen und veröffentlichte mit ihnen mehrere Aufsätze zur Hethiter- und Urartu-Forschung. Zudem wurde das künftige Projekt einer Ausgrabung im Gebiet der Hurriter angedacht, welches erst Jahre später, als Wäfler in Bern und Haas in Konstanz waren, realisiert werden konnte. Mit Kollegen in Ost-Berlin, wie dem Ehepaar Klengel, hielt er engen Kontakt. Bis dahin hatte Wäfler noch nie an einer längeren Ausgrabung teilgenommen. So schloss er sich, auch um Erfahrung zu sammeln, dem grossen Projekt der Deutschen Orient Gesellschaft im syrischen Euphrat-Tal im Gebiet des Tabqa-Staudammes an. An den Arbeiten auf dem Tall Munbāqa war er bis 1983 beteiligt war.
Auch wenn er die Kontakte zur FU Berlin nach seiner Berufung nach Bern radikal abbrach, blieb er der Stadt Berlin zeitlebens aufs engste verbunden und verbrachte weiterhin viel Zeit dort.

Seit 1978 lehrte Markus Wäfler an der Universität Basel, wo er auf Vermittlung von Rolf Stucky einen Lehrauftrag erhielt. Ab 1980 kam ein weiterer Lehrauftrag der Universität Bern hinzu, wo sich der Klassische Archäologe Hans Jucker bereits seit geraumter Zeit um die Einrichtung einer Stelle für Vorderasiatische Archäologie bemüht hatte. So lehrte Wäfler zeitweise parallel in Berlin und Basel sowie in Basel und Bern. Mit Hilfe der Theologischen Fakultät gelang es 1983 schliesslich, an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zunächst ein Extraordinariat, später ein Ordinariat für Vorderasiatische Archäologie einzurichten und dieses mit Markus Wäfler zu besetzen. Dies ging einher mit der Gründung des Seminars und später Institutes für Vorderasiatische Archäologie und Altorientalische Sprachen. 1992 holte Wäfler den Sumerologen Pascal Attinger nach Bern, um die altorientalischen Sprachen zu lehren. Persönliche Zerwürfnisse verhinderten aber letztendlich, dass sich die Altorientalische Philologie dauerhaft als eigenständiges Fach in Bern etablieren konnte. 2005 schlossen sich die beiden Institute für Klassische Archäologie und Vorderasiatische Archäologie zum Institut für Archäologie zusammen, das dann 2010, nach der Emeritierung Wäflers, im Institut für Archäologischen Wissenschaften aufging.

Nach seiner Berufung nach Bern begann Markus Wäfler umgehend mit eigenen Feldforschungen in Syrien. 1983 führte er eine intensive Begehung des Tall al-Ḥamīdīya nahe der nordostsyrischen Stadt al-Qāmišlī durch, bereits im Folgejahr 1984 begann er die Ausgrabungen des Ortes. Diese starteten zunächst als Kooperation der Universitäten Bern und Konstanz und waren als Teil eines breit angelegten Projektes zur Erforschung der Hurriter angelegt, an dem seine alten Freunde aus Studienzeiten, Volkert Haas und Ilse Wegner beteiligt waren. Doch seit der dritten Kampagne 1985 wurde es als ein rein Berner Ausgrabungsprojekt fortgeführt. Entgegen dem üblichen Trend in der archäologischen Feldforschung, wonach immer grössere und spezialisiertere Teams tätig wurden, arbeiteten in Tall al-Ḥamīdīya zumeist sehr kleine Gruppen, manchmal nur aus zwei bis drei Wissenschaftlern bestehend, die dann multiple Funktionen übernahmen. So erledigte auch Markus Wäfler neben der Aufsicht der Grabungsarbeiter auch die Bau- und Profilaufnahmen, die Keramik- und Funddokumentation sowie nicht selten das abendliche Kochen. Auch die Reinzeichnungen von Architektur und Funden für die Publikationen übernahm er oft selbst und führte sie aller Digitalisierung in der Archäologie zum Trotz händisch mit Tusche aus. Er tat dies mit grossem Selbstverständnis und Eifer und nicht ohne Seitenhiebe auf all die Kolleginnen und Kollegen, die diesbezüglich anders verfuhren. Wiewohl er sich mit grosser, in Fachkreisen oft nicht geteilter Leidenschaft der Anwendung mathematischer Verfahren wie dem Gravitationsmodell in der Archäologie widmete, blieben ihm moderne technische Methoden wie Fernerkundung, Geophysik oder die Verwendung von GIS immer fremd. So nahm es nicht wunder, dass sich ein Besuch wie beispielsweise derjenige der Grabungsmannschaft von Tall Ḥalaf im Jahre 2009 in Tall al-Ḥamīdīya als ein Treffen sehr unterschiedlicher Arbeitskulturen gestaltete. Beindruckt von der überwältigen Gastfreundschaft Wäflers, die zum gemeinsamen Genuss nicht nur eines hervorragenden Essens und einer Bloody Mary aus eigenhändig vom Grabungsleiter geschälten und gekochten Tomaten luden, verwunderte die aus über 20 Personen bestehende Besuchergruppe der Umstand, nur drei Forscher anzutreffen, die alle Arbeitsabläufe vor Ort selbst erledigten. Schon das Grabungshaus, das sehr idyllisch am Rand des Hügels gelegen die weite Steppe überblickte, beeindruckte ob des Kamins im Wohnsalon und der in den Boden eingelassenen Badewanne mit eigenem Brunnen. Noch tieferen Eindruck hinterliess der wie schon zu Studienzeiten immer im sauberen weissen Anzug gekleidete Bewohner, der im Erscheinungsbild deutlich zu den Besuchern in ihrer Grabungskluft kontrastierte. Er präsentierte sich so als etwas exzentrischer, humorvoller, überaus gelehrter und gebildeter, wiewohl auch sehr scharfzüngiger und direkter Forscher, der sehr deutlich machte, dass man es durchaus als nicht jedermann vergönntes Privileg auffassen durfte, überhaupt im Grabungshaus empfangen zu werden.

Für Grabungsmitarbeiter waren die monatelangen Kampagnen auf dem Tell von Herausforderungen der unterschiedlichen Aufgaben geprägt, die – stets kritisch beäugt von Markus Wäfler – viel Raum für Lernerfahrungen boten. Wie in seinen Vorlesungen und Seminaren vertrat er auch auf der Grabung beinah unerschütterliche Meinungen zur archäologischen Theorie und Methode. Widerspruch war schwer, wenn auch nicht unmöglich. So hart er mit Kritikern seiner Ideen ins Gericht ging, so herzlich-patriarchalisch war er mit seinen Schülern, die oft in den Genuss seiner mit Anekdoten gespickten Erzählungen kamen. Mit reichhaltigen Lehrveranstaltungen, während derer er Forschungsgeschichte, Reiseberichte und einen Fundus an archäologischem Wissen miteinander verband, vermochte er für das Fach zu begeistern. Sein breites Interesse über die geografischen Grenzen der Vorderasiatischen Archäologie hinaus nach Zentralasien, Indien, bis nach China und Südostasien ermutigten auch seine Studenten unbekannte Themenkreise für sich zu erschliessen und unorthodoxe Ideen zu diskutieren. Die regelmässigen Treffen mit den Studierenden und Mitarbeiter*innen im Institut bei extrem starken Kaffee und vielen Zigaretten wurden mit lebhaften Vorträgen garniert und förderten ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Gemeinsam mit Pascal Attinger gelang es Markus Wäfler, immer wieder namhafte Forscher nach Bern zu holen, die Seminare anboten und hier wichtige grundlegende Publikationen verfassten. Selbige wurden in der Reihe Orbis Biblicus et Orientalis (OBO) als Subreihe „Annäherungen“ veröffentlicht und gehören als Standardwerke zu den meistverkauften Bänden der OBO. Lange Jahre zählte er zu den Stützen der OBO, ebenso wie der Schweizerischen Gesellschaft für Orientalische Altertumskunde (SGOA), die als Mitgliedsgesellschaft der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften eine wichtige Klammer für alle zum Alten Orient forschenden Institute in der Schweiz bildet. In späteren Jahren zog er sich von beidem zurück.

Markus Wäfler war eine faszinierende, wiewohl polarisierende Persönlichkeit. Er konnte wie kaum ein anderer seine Studenten begeistern, sein Fachwissen vermitteln und komplexe Sachverhalte veranschaulichen. Aber er liess auch kaum eine Gelegenheit aus, seine lustigen Anekdoten über Kolleginnen und Kollegen mit einer kräftigen Polemik zu untermalen. Dies führte auf lange Sicht zu einer zunehmenden Isolation des Berner Institutes in der Fachwelt und in der Fakultät, auch blieben interne Konflikte nicht aus, die fast zu einer Spaltung geführt hätten.

Die Schweizer Archäologielandschaft verliert mit Markus Wäfler eine schillernde Figur, die aller Reibungspunkte zum Trotz als Gründer der Vorderasiatischen Archäologie in der Schweiz und als langjähriger Förderer der Altorientalistik in Erinnerung bleiben wird.

Stephan Kroll, Gino Caspari, Mirko Novák

 

Markus Wäfler